Wir haben es schon wieder getan! Wir besuchten Kolumbiens aufstrebendes Juwel im Aburrá-Tal, 1500m über dem Meeresspiegel. Unsere Lieblingsstadt, Medellin. Stadt des ewigen Frühlings und des nächtlichen Regens, welcher die Luft jeden Tag aufs Neue reinigt.

Die Tallage erinnert an unsere Heimat im Inntal – nur, dass in Medellin die Hänge weit nach oben verbaut sind, mit unverputzten, würfeligen Gebäuden der Barrios, aber auch mit unzähligen Hochhäusern. Passend zur lehmigen Erde der Umgebung präsentiert sich unser Ziel in der Städtebaufarbe ziegelrot.

Capital de la Montaña – Hauptstadt der Berge
Die Fassade im Vordergrund spiegelt das Stadtbild wider

Vom Flughafen in die Stadt gelangt man durch eine parkähnliche Hochebene, über einen 2.300 Meter hohen Pass, hinunter in die Millionenstadt. Auf den Serpentinen tummeln sich Rennradfahrer, die ihrem Nationalsport fröhnen. Sobald man die ersten Blicke auf „El Capital de la Montaña“, die „Hauptstadt der Berge“ wirft, wird einem klar: Dem weithin sichtbaren Bauboom nach zu urteilen ist dieser Ort kein echter Geheimtipp mehr. Längst hat sich Medellin zum Ziel für Investoren, sowie für Aus- bzw. Einwanderer aus dem Westen entwickelt. Selbst das Wallstreet-Journal kürte Medellin 2012 zur innovativsten Stadt der Welt, verschafft der wachsenden Immobilienblase zusätzlichen Rückenwind, treibt die Wohnkosten in die Höhe.

Sonntags werden Straßen für Radfahrer gesperrt

Für uns ist die Stadt dennoch günstig, etwa halb so teuer wie Panama oder Österreich. Wir beziehen eine modern ausgestattete 2-Zimmer Wohnung in allerbester Lage für etwa 20 Euro pro Nacht, für uns und unseren guten Freund Markus, der uns endlich wieder besucht. Um die Ecke gibt es hervorragende und doch günstige Restaurants (5-8 USD für eine gute Hauptmahlzeit abends), ein paar Blocks weiter beginnt das touristische Zentrum voller Kneipen (1-2 Dollar für ein Bier oder Limo), Boutiques und Luxusläden. Wir sehen uns dort nur kurz um, es gibt so viel mehr zu sehen!

Die Hochäuser von El Poblado…
…wirken ein bisschen wie Hongkong

Wie zum Beispiel eine kostenlose Tour durch Medellins Markthallen oder in das Barrio der berühmt-berüchtigten Communa 13. Gab es dort vor Jahren dort noch blutige Niederschlagungen durch die Paramilitares (regierungsnahe, gefürchtete Milizen), herrscht heute eine einladende, freundliche Stimmung. Man sieht Touristen, Läden, nette Cafés, eine hoch in das Barrio reichende Rolltreppenanlage. Grafittys von lokalen und internationalen Künstlern sprechen von Frieden, Besinnung, von Transformation. Von den unsicheren Zeiten haben die Menschen mehr als genug – sie wollen endlich normal leben, fordern Veränderung und leiten den Wandel sichtbar selbst ein: Die Straßen sind frei von Müll, die Fußböden in den Häusern der Barrios spiegeln vor Sauberkeit. Die Menschen wollen nicht nur mit der Vergangenheit aufräumen. Sie wollen reinen Tisch für die Zukunft.

Gesichter der Stadt
La fuerza está en ti – die Kraft liegt in dir
Völkervielfalt in Kolumbien
Communa 13

Die nobleren Viertel hingegen wirken ohnehin fast europäisch. Medellin ist berühmt für seine zahlreichen Parks, Alleen, Bäume, Orchideen. Der botanische Garten kann kostenlos genutzt werden, an vielen Punkten der Stadt gibt es kostenloses W-Lan.

Medellin galt früher als eine der gefährlichsten Städte der Welt: Das Drogen-Kartell unter Pablo Escobar baute im großen Stil ein Exportgeschäft auf, welches jährlich Tonnen von Kokain in die USA, und im Gegenzug Milliarden Dollar nach Kolumbien spülte. Wurde Escobar von der kolumbianischen und US-amerikanischen Regierung in einem blutigen Kampf als internationaler Verbrecher zu Tode gejagt, betrachten ihn Teile der Bevölkerung nach wie vor verklärt als modernen Robin Hood: Kolumbiens Rohstoffe wurden und werden durch westliche Unternehmen ausgebeutet – das Medellin-Kartell brachte zumindest einige der verloren gegangenen Milliarden zurück ins Land. Leider auf Kosten vieler Menschenleben. Durch Investitionen in die Infrastruktur der Barrios konnte Escobar viel Rückhalt in der armen Bevölkerung gewinnen. Fragt man heute nach diesem Kapitel, erntet man Zurückhaltung und zwiespältige Reaktionen. Es gab so viele Opfer auf allen Seiten: Wir wollen lieber nicht an Wunden zupfen…

Traumabewältigung  Straßenkunst
Erinnerung an Helikopterangriffe auf das Viertel

Der Bürgermeister zeichnet sich laut den Bewohnern dadurch aus, nicht ausschließlich in seine eigenen Taschen zu arbeiten, sondern beispielsweise auch Infrastrukturprojekte in die Favelas zu bringen. So wurde ein hochmodernes S-Bahn-System aufgebaut, erweitert durch ein System von Seilbahnen, deren Gondeln bis hinauf in die höchsten Barrios und in den nahen Nationalpark reichen. Die Stadt ist seitdem viel sicherer geworden, man gewinnt den Eindruck, dass es rundum aufwärts geht. Die Menschen strahlen Hoffnung und Zuversicht aus, glauben, dass es ihnen und ihren Kindern künftig besser gehen wird. Wir genießen dieses Gefühl, welches uns Europäern etwas abhanden gekommen ist. Als Touristen werden wir manchmal wie Frühlingboten behandelt, das tut gut.

Kolibrinest an der Hauptstraße…
…und andere Boten des ewigen Frühlings

Wir haben den Eindruck, in den Straßen, Parks und Lokalen Studenten eines Typs zu erkennen, der sich zu Hause rar gemacht hat, seitdem unsere Universitäten „verschult“, sowie eng mit der Wirtschaft verknüpft wurden: Studieren um der persönlichen Erkenntnis willen, nicht nur der Karriere wegen. Humanistisches Weltbild, politisch eher links, aktiv in der Friedensbewegung…wir fühlen uns in dieser Hinsicht an das Europa der 70er und 80er Jahre erinnert.

Museum der modernen Kunst
Der Himmel über Medellin – täglicher Regenguss

Die Menschen sind auffallend freundlich und hilfsbereit. „¡Al orden!“, „Zu Diensten!“, werden wir vor den Läden beflissen angesprochen. Bedanken wir uns, ernten wir ein „¡Con mucho gusto!“ – „Sehr gerne!“ Die Taxifahrer sind meist freundlich und ehrlich. Ein junger Kunsthandwerker zeigt uns stolz sein Werk: Den selbst gedruckten und in echtem Kork gebundenen Nachdruck eines naturhistorischen Buches – ursprünglich verlegt in Wien. Ein hoch intelligenter Studienabbrecher (er hat das Studium zugunsten einer Firmengründung aufgegeben) schwärmt ebenfalls von deutschsprachiger Literatur: Ohne Deutschkenntnisse frisst er sich durch dicke deutschsprachige Schinken von Thomas Mann, Goethe & Co. – mit Hilfe von Wörterbüchern, Wort für Wort, Satz für Satz, Monat für Monat.

Natürlich gibt es sie noch, die dunklen Seiten der Stadt – die mitunter farbenprächtig schillern: Gelangt man ins historische Zentrum, wähnt man sich in einem skurrilen Wimmelbild. Man sieht zugleich Musiker, tanzende Pensionisten mit Panama-Hüten, Menschen aller Rassen, Huren, Gauner, Freier, tätowierte Gesichter, operierte Lippen, Brüste und Hintern – mitunter bizarr vergrößert; Polizisten nehmen Leibesvisitationen an Verdächtigten vor, die mit erhobenen Händen weiter an ihrem Eis schlabbern. Marktstände, Touristen, Taschendiebe. Das ganze in einem künstlerischen Rahmen, geprägt durch überlebensgroße Bronzestatuen des berühmtesten Künstlers der Stadt: Fernando Botero. Rundum Geschäfte voller günstiger Klamotten. Medellin gilt auch als Stadt der Mode. ¡Al orden!

Wimmelbild im historischen Zentrum
Fernando Boteros Kunst…
…ist allgegenwärtig…
…und bietet zahlreiche Perspektiven

In den Barrios werden Museen und Bibliotheken gebaut, um arme und reiche Bevölkerung zu vermischen, Touristen anzulocken, die Barrios zu normalisieren. Wir fühlen uns eingeladen, die Seilbahn zu besteigen, die berühmte Bibliothek im Barrio Santo Domingo zu besuchen. Leider geschlossen. Stattdessen setzen wir uns in ein einfaches Lokal, um ein Almuerzo, ein Mittagsmenü, zu uns zu nehmen….aus dem Nichts springt ein knappes Dutzend Jugendliche von der Straße in das Lokal, laufen auf die Theke zu. Einer scheint ein Messer zu ziehen, hoch auszuholen, zuzustechen. Gerlinde und Gunther springen schnell in den Nachbarladen, während sich Markus nicht aus der Ruhe bringen lässt, sich am Tisch stehend nach potentiellen Gegnern umzusehen scheint. Nach dem Vorfall lacht ein einheimischer Mann von der Straße lauthals über Markus‘…nennen wir es mal Mut statt Wahnsinn – denn es kann riskant sein, offensichtlich Augenzeuge vor Ort zu sein. Gottlob geht alles glimpflich aus. Eine Jugendliche hat wohl einen Schlag in den Magen abbekommen, scheint aber unverletzt. Eine Attacke aus Eifersucht? Die überall präsente Polizei wird gerufen, scheint sich dafür nicht zu interessieren. Die gefühlte Sicherheit kann also auch trügen – in Europa ist Jugendgewalt und Polizeiwillkür ja auch nicht gerade unbekannt…

Der Ort des glimpflichen Überfalles
…und der wagemutige Held ohne Gegner 😉

Mit dem sich langsam ausbreitenden Frieden in Kolumbien, entdeckt die Bevölkerung den Inlandstourismus für sich. Wir folgen diesem Beispiel (sowie dem Rat unseres Portiers) und machen einen Sonntagsausflug aufs Land. Genauer gesagt nach Guatapé, einem typisch kolumbianischen Bauerndörfchen, welches die guten neuen Zeiten in farbenfrohen Fassaden widerspiegelt. Die Hausbesitzer verewigen ihren Beruf oder ihre Leidenschaft auf der Fassade in Form von einfachen, aber schön bunten Reliefs. Gleich nebenan: El Peñol, nach dem Uluru in Australien der zweitgrößte Monolith der Erde. Umfasst von einem riesigen Stausee, der ein Labyrinth aus Wasser in die grüne Hügellandschaft einbettet – und beachtliche 40% der elektrischen Energie Kolumbiens bereit stellt.

Bemerkenswerter Hinkelstein: El Peñol
Stausee um Guatapé
Kolumbiens Fußball-Nachwuchs

Bevor wir zurück zu unserer Muoza nach Panama fliegen, nutzen wir in Medellin noch die günstigen Preise der modernen Zahnkliniken. Die Praxis ist auf höchstem Standard, angesiedelt in einem der vielen unpersönlichen Einkaufszentren, welche die Städte der Welt immer gleicher machen. Kennt man eines, kennt man alle: Sobald man so einen Einkaufstempel betritt, weiss man kaum mehr wo man sich befindet. Es könnte in Wien sein, in Bangkok – oder eben ganz wo anders.

Medizinischer Standard wie daheim, zum halben Preis.

Und doch hat Medellin ein besonderes Flair, wir fühlen uns hier fast wie zu Hause. Haben das Gefühl, dass wir hier leben könnten. Drei Besuche in sechs Jahren haben uns immer noch nicht ganz gesättigt. Und doch: Kaum sind wir wieder auf unserer Muoza, kaum fällt der Anker in San Blas, kehrt unsere geliebte, von Naturgeräuschen untermalte Ruhe wieder ein. Sie überrascht uns regelrecht, setzt einen fühlbaren Schlusspunkt hinter unseren bunten Ausflug. Wir fühlen uns wieder daheim, geborgen, angekommen, entschleunigt im unvergleichlichen Takt der Natur. Irgendwie…zeitwärts.

Kommentare

    • Gunther

      Christine, danke! Wünschen dir einen guten Start in die Konzertsaison und fette Wildkräuterernte für Georg!

      Antworten
  1. natalie

    Ein tolles Erlebnisbericht, danke!
    Was mehr ein bisschen fehlt, ist paar kurze Infos, wo in diese Zeit ihr das Boot gelassen habt, wie leicht oder schwer war es die Fluege zu organisieren und ob es auch kostengünstig war, wie ihr es über den Aufenthaltsort schreibt.
    <ich habe zuertst gedacht, ihr seid nach Kolumbien gesegelt, erst dann am Ende mitbekommen, dass ihr geflogen seid:)
    ganz liebe Grüße und tolle Zeit noch in San Blas!
    natalie & familie von "Gente di Mare"

    Antworten
    • wenn wir alle diese details auch noch beschreiben würde, wäre der artikel viel zu lange…haben wir absichtlich ausgelassen. wenn ihr fragen habt, könnt ihr euch jederzeit melden… 🙂

      Antworten
  2. Kolumbien ist eine Reise wert. Vor einigen Jahren war ich mal auf der kleinen Insel Providencia mitten in der Karibik. Ich habe nirgendwo auf der Welt schönere Strände gefunden als dort. Aber auch das Festland ist sehr schön. Von Cartagena im Norden bis Medellín im Süden!

    Antworten

Antwort auf Gunther

Hier klicken, um das Antworten abzubrechen.