Quelle: Heather Zabriskie, Unsplash.com

Wie erkennen wir den richtigen Moment? Der Begriff „Moment“ wird sowohl zeitlich, als auch mechanisch verwendet – im Zusammenhang mit Hebelwirkung, als Drehmoment. Die Frage ist also eine mehrfache: Wo setzen wir den Hebel an, mit welcher Kraft, zu welchem Zeitpunkt? Wir sind keine Physiker, also richten wir uns nach Methoden, die verfügbar sind: Wir verlassen uns auf unsere Lebenserfahrung, der Weg wird sich weisen.

Neue Wege entstehen indem man sie geht…
…oder indem man sie baut – Brückenbau am Panamakanal

In letzter Zeit stellte sich vermehrt das Gefühl ein, dass wir eine Veränderung anstreben sollten. Weniger vom Gleichen tun, dafür mehr Zeit für Neues nutzen. Konkret bedeutet dies, dass wir Fahrten mit Mitsegler/innen reduzieren wollen. Zugunsten eines erweiterten Spielraumes.
Die sinkenden Kostenbeteiligungen würden zwar das Budget für die Bootserhaltung schmälern, aber auch unsere Ausgaben spürbar senken: Weniger Proviant, weniger Verschleiß, geringere Gebühren, mehr Eigenleistungen am Boot, mehr Zeit für uns. Interessant: Seit diesem Beschluss reduzierten sich die Anfragen von Mitsegler/innen auf das gewünschte Maß. Wie von Zauberhand. Als ob wir den passenden „Moment“ gefunden hätten…

Zeit für Ausflüge in den Dschungel…
…und an den Rio Diablo

Zugleich begannen sich Optionen aufzutun: Ein Freund fragte, ob wir mit ihm gemeinsam eine Charterfirma in Panama betreiben wollen. Boot und Firma nach panamaischem Recht wären bereits vorhanden, er suche nur noch Partner, auf die er sich verlassen könne – dabei denke er an uns. Wir fühlen uns geehrt, sehen uns auch in der Lage, den Schritt zu wagen. Eigentlich kann nicht viel schief gehen. Und doch: Etwas lässt uns zögern, wir können es nicht konkretisieren. Ein unausgesprochenes „ja,…aber“ bleibt zurück. Etwas wie: „Das Vorhaben ist an sich interessant und erfolgversprechend, aber vielleicht ist dies gerade nicht der richtige Zeitpunkt“. Mit unserer Entscheidung, auf diese Stimme zu hören, ändert sich die Situation in San Blas: Der Congreso Guna Yala beschließt, den Bootstourismus in San Blas drastisch zu reduzieren. Die Zufahrtsstraße wird für Bootsleute gesperrt, seit Ende Februar können wir Guna Yala nur noch auf dem Seeweg erreichen, ein gehöriger Mehraufwand. Professionelles chartern ist untersagt, Mitsegeln und sogar privater Besuch an Bord wird in San Blas bis auf weiteres nur noch erschwert möglich sein. Dabei haben wir volles Verständnis für die Guna. Wenn ihre Heimat ein Paradies bleiben soll, muss der Tourismus neu geordnet werden. Schon wieder: Als ob wir diese Entwicklung geahnt hätten…!

Auch für Guna Kinder ein Paradies: San Blas Inseln in den Schulferien…
…während die Oma sich um die „Handarbeit“ (original Guna Wort) kümmert

Was nun? Selbst wenn wir die Ausgaben reduzieren, sollten wir überlegen, wie wir künftig unser Budget aufbessern können. Wir kontaktieren einen Unternehmer, mit dem wir seit einiger Zeit in Verbindung sind. Von seinem Produkt sind wir begeistert, können uns gut vorstellen, mit ihm zu kooperieren, einen Teil zum Gelingen beizutragen. Die Antwort: Er kann uns sofort gebrauchen, bietet uns sogar eine gut bezahlte Vollzeitstelle an – wir könnten vom Boot aus arbeiten! Eigentlich ideal, genau was wir uns gewünscht haben! Eigentlich.
Die Online-Kommunikation gestaltet sich schwierig. Es bleiben Details offen. Wir haben das Gefühl, dass der Auftragsrahmen schwammig formuliert ist; schaffen es offenbar nicht, eine saubere Rahmen- und Zielvereinbarung festzulegen. Aus unseren Tätigkeiten in Beratung, Projekt- und Produktmanagement wissen wir, dass unklare Vereinbarungen am Ziel vorbei führen. Gerade deshalb müssen wir professionell bleiben: Wir setzen den Entrepreneur über unseren Rückzug in Kenntnis. Er wirkt bass erstaunt, aber wir vertrauen unserer Erfahrung: Es gibt zwar konkreten Bedarf, aber der Rahmen, der Ansatzpunkt für den Hebel, der Moment passt nicht.

Wir leisten es uns, auf Werte, Erfahrungen und Ahnungen zu hören – selbst wenn es von außen wie ein Verlust erscheint. Wir vertrauen einfach darauf, den richtigen Zeitpunkt morgen ebenso zu erkennen wie den unpassenden Moment gestern. Wir fühlen uns gerade deshalb irgendwie reich.

Immerhin, zwischenzeitlich gibt es neue Inputs für uns:

– Die Yachtrevue wird in ihrer Juli-Ausgabe einen Artikel von uns herausgeben. Thema: Starke Frauen unter Segeln. Die Redaktion nimmt unseren Textvorschlag prompt an – zufällig wird genau dieses Thema Schwerpunkt des Juli-Heftes sein! Die Gedanken, die seit langem in unseren Köpfen rumoren, sind gerade gefragt. Der Zeitpunkt passt also. Wie sieht es mit dem Moment aus? Sollten wir den Hebel künftig vermehrt beim Schreiben ansetzen, uns vermehrt an Reiseberichte oder ein Büchlein wagen…und was sollte dabei herauskommen?

– Inga und Peter aus Norwegen suchen sogenannte „Linehandler“ als Helfer für die Panamakanal-Durchquerung ihres Bootes. Wir haben das Gefühl, dies könnte eine interessante Erfahrung sein. Der Zeitraum, das Boot, die Menschen. Wir bieten unsere Hilfe gegen Kost und Logis an, sie sagen zu. Gemeinsam führen wir die „S/Y Miti“, eine Hallberg-Rassy 38, durch die berühmten Schleusenkammern. Von Colon nach Panamá, aus der Karibik in den Pazifik. 27 Meilen und sechs Ebenenwechsel, welche eine große Veränderung ausmachen. Wir erleben, wie einfach und schnell wir unser eigenes Boot in den größten Teich unseres Planeten führen könnten. Wenn wir wollten. Wir verspüren eine gewisse, kribbelnde Leichtigkeit. Ein Fingerzeig? Ist dies der richtige Moment für eine pazifische Weichenstellung? Sollten wir lieber noch ein wenig hier bleiben? Jetzt, wo in San Blas Ruhe und neue Perspektiven einkehren?

Wir stellen fest, wie gut es tut, uns für wichtige Entscheidungen Zeit zu nehmen. Frei nach den Worten eines segelnden Freundes: „An Bord eines Bootes muss nichts, aber auch gar nichts schnell gehen. Man kann und muss sich die nötige Zeit nehmen. Wenn aber nun doch etwas schnell gehen muss, so hat man im Vorfeld etwas Wesentliches übersehen, einen Fehler begangen.“ Wir können diese Erkenntnis nur bestätigen. Darauf aufbauend werden wir uns den Raum geben, geduldig auf den richtigen Moment zu warten – um ihn in Ruhe und Übersicht am Schopf zu packen.

Peter, Inga und Gerlinde
Ins „Päckchen“ zu dritt. Links die Mermaid, die wir nach 3 Jahren zufällig im Kanal wieder sehen

 

„Miti’s“ Abschied aus der Karibik
Gunther als Linehandler an Bord…
…und sein Mitspieler an der Schleusenwand
Dickschiffe auf der Überholspur im Gatunsee…
…hinterlassen mächtige Bugwellen
Publikum in der Miraflores-Schleuse!
Ein Monster kommt auf uns zu
Tadaa! Pazifik, stiller Ozean, blauer Riese!
Panama City! 🙂

 

Kommentare

  1. Fliszar Günther

    Super! Sehr schöne und vollkommene, richtige Gedanken! Freue michfür euch!

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      • Fliszar Günther

        Wir haben unser Schiff in Bocas liegen und sind an Oktober wieder unterwegs! Vielleicht ‚ laufen‘ wir uns ja über den Weg! Liebe Grüße! Günther

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  2. Natalie

    Danke fuer die tolle Berichte und die Philosophie. Das Leben auf dem Schiff ist wunderschoen, aber auch hart- was ist die richtige Entscheidung?;)

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    • Gunther

      Danke, liebe Natalie! Was die richtige Entscheidung ist, werden wir mit ein paar Jahren Abstand vielleicht wissen – lass es uns herausfinden 🙂

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  3. Liebe Zeitwärts-SeglerInnen, Ich lese immer wieder mit Lust und Spannung eure Berichte aus Weitweitweg. Gunters Schreibe gibt einer echt das Gefühl, es hautnah mitzuerleben. Und JA, das mit Bücherschreiben fände ich so gesehen eine Option (weil es angesprochen wurde). Während ihr zwei durch die Welt segelt und hineinspürt, was ihr weiter machen sollt, krebst meinereine in Tirol durch die wunderschönste Geografie, alles grünt und blüht – ein prächtiger Frühsommer ist das! – Wildkräuter_Ernt-Highseason quasi – Das wird eine Spitzenernte, so viel steht fest. In marias Garten steht der wahrscheinlich größte, lila blühende Salbei Tirols, ein Wahnsinnsbusch, und dieser Duft, unbeschreiblich! Die Bilder vom Panama Kanal – absolut beeindrduckend – Was sihr schon alles gesehen habt, wow! Übrigens interessant, was ihr von der Entwicklung in Bezug auf Guna Yala berichtet. Offenbar sind die nicht so deppert wie die im Mittelmeer, z.B. Mallorca, dass groß in die Kreuzschifffahrt eingerstiegen ist, ungeachtet dessen, was sie ihrer Umwelt damit antun oder ihrer einheimischen Bevölkerung …….. Ahoi! Möge euch niemand den Wind aus den Segeln nehmen! Holareiduljo from the green green sunny Alps

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  4. Herminio Oberlehrer

    Hab´ den Bericht zweimal (aufmerksam!) gelesen. Note: Sehr gut!

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Antwort auf Gunther

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