Ist es normal, auf einem Segelboot zu leben? Aus Sicht von Mitteleuropäern…definitiv nicht. Sieh dich um: Hier lebt kaum jemand auf einem Segelboot. Also kann es nicht normal sein, höchstens ein ‚alternatives Lebensmodell‘. Viele Leute zu Hause wollen  gar nicht so genau wissen, wie sich ein Alltag auf dem Wasser abspielt.

Aus dem Blickwinkel von Menschen, die auf dem Wasser leben, Monate, Jahre mit anderen Seglern und Reisenden in Kontakt sind: Für sie ist es völlig normal auf einem Boot zu leben. Die meisten unserer Nachbarn in Panama leben so, ganz selbstverständlich. In Europa einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, gehört aus deren Perspektive hingegen eher in die Kategorie ‚alternatives Lebensmodell‘…

Wir schließen daraus:
– Normalität ist das, was in der eigenen Umgebung die Regel ist.
– Wechselt man die Umgebung, wechselt auch die Normalität  – und der Fokus.

Muoza vollzieht einen Ebenenwechsel in die Parallelwelt

Parallele Welten, eben. Und da sich Parallelen frühestens in der Unendlichkeit schneiden, kommen sie kaum miteinander in Berührung. Gerade deshalb wollen wir die Geraden leicht verschieben, den Schnittpunkt etwas vorverlegen.

So weit, so trocken. Um dem theoretischen Unterbau etwas Pfiff zu verleihen, machen wir die Probe auf’s Exempel. Unser erster Heimatbesuch steht an. Wasserwelt trifft auf Bergwelt. Dazu brauchen wir einen Plan; müssen überlegen wo wir wohnen können, wie wir uns über Wasser bzw. über dem Berg halten.

Innsbruck – neue, alte Heimat

Wir mussten bis nach Panama fahren, um herauszufinden, wie interessant Haus-Sitting ist. Nicht nur in Lateinamerika, sondern auch im Rest der Welt gibt es eine Vielzahl von Immobilien-Eigentümern, deren Häuser und Wohnungen Pflege brauchen, wenn gerade niemand anwesend ist. Irgendwann müssen wir alle mal unser Domizil verlassen. Sei es aus beruflichen, persönlichen oder sonstigen Gründen. Spätestens dann dämmert es einem, warum Häuser als Immobilien bezeichnet werden. Sie sind – und machen – immobil, unbeweglich. Wer rettet die Eigentümer aus dieser Unbeweglichkeit, passt auf das Anwesen auf, wenn es einmal zurück gelassen werden muss? Auf Garten, Hunde, Haus, Wertsachen, Auto? Genau: Wir!

Unser aktuelles Zuhause mit Zeitgeist-Fahrzeug – sehr cool

Wir stellen die SY Muoza an Land, fliegen in die Parallelwelt, zum Haus- und Hundesitting bei lieben Freunde – während diese dem Ruf des Camino de Santiago, des Jakobsweges, folgen. Unsere neue Welt nennt sich Vorarlberg, zwei Autostunden von unserer Heimatstadt Innsbruck entfernt. Aufgrund des örtlichen Dialektwortes „xi“ als Partizip Perfekt für das Verb „sein“ wird Vorarlberg auch als „Xiberg“ bezeichnet; seine Bewohner als „Xiberger“ oder auf Tirolerisch kurz und frech „Xi“. Eine neue Normalität bzw. ein neues alternatives Lebensmodell erschließt sich uns.

Fortuna mischt die Karten neu (Aida Seebühnenbild in Bregenz)

Wir fühlen uns unseren Freunden so nah, dass wir das Gefühl haben, mit der Hausbetreuung auch das Leben der Beiden überzustreifen wie einen vertrauten Pullover. Das Haus, das wir seit seiner Fertigstellung kennen; die erwachsenen Kinder, welche selbst schon Kinder haben – uns zu Leihoma, Leihopa machen; die Hunde welche wir seit dem Welpenalter kennen; die erweiterte Familie, die Nachbarn, die Umgebung mit Wald und Baggerseen. Der zu pflegende Maisäß (niedrig gelegene Almhütte), auf dem wir viele unvergessliche Tage erlebt haben. Wir fühlen uns ange-, heimge-, willkommen bei den Xi…darf man das so schreiben…? 😉

Diese Selbstversorgerhütte ist ein Traum – und zu mieten: www.gampaping.at
Paco – „unser Großer“
Hertha – „unsere Kleine“

Erstmals führen wir ein Leben mit Haus, Garten, Hunden, Katze, Maisäß. Der Lebensrhytmus wird ein anderer, richtet sich nach den Haustieren, nicht nach dem Boot. Der Körper passt sich an das reichhaltige Nahrungsangebot in Europa an – die Körperwaage beweist es, verflixt! Es gibt viel zu tun, und doch machen wir uns den Wert unseres neuen Lebens bewusst. Genießen das Dasein in einem neuen Rahmen, ohne auf Dauer ‚immobil‘ zu sein. Waldspaziergänge fühlen sich an wie Schnorchelausflüge, statt über Korallen und Fische gleiten unsere Augen über dichte Pflanzenwelten, von Insekten und Wildtieren bewohnt. Der Gemeinschaftsgarten gleich hinter dem Haus bringt Nachbarn und Gleichgesinnte zusammen. Selbst gezogenes Essen sowie neue Freundschaften sprießen – und werden gemeinsam am Lagerfeuer genossen. Gewisse Parallelen zu unserm Leben auf dem Boot sind nicht zu übersehen!

Deliziöse Holzofen-Empanadas von der Chefköchin präsentiert…
…und die Küchengehilfen im Gemeinschaftsgarten

Wir kommen ins Philosophieren: Vielleicht sollte man sich bewusst machen, von wo aus man startet, bevor man seinen Weg mit dem Anderer vergleicht. Wer weiß: Wären wir von hier aus gestartet, vielleicht wären wir nie in San Blas angekommen…oder ganz wo anders…?

Vielleicht ist die digitale Revolution mit verantwortlich, dass die Menschen immer vernetzter denken und handeln, win-win-Konstellationen ernten (auch wenn manche Langzeitreisende so lange unterwegs sind, dass der Eindruck entsteht, sie hätten diese Revolution verpasst). Es scheint sich zunehmend durchzusetzen, Arbeitsstellen, Autos, Häuser, Boote zu teilen. Weil es sinnvoll ist, für alle Beteiligten, für das zu teilende Gut. Deshalb denken wir immer wieder über Boot-Sharing nach, um effizienter zwischen den Welten zu wandeln – auch wenn diese Vorstellung für manche Segler seltsam anmuten mag.

Aber was soll das schon heißen: Seltsam? Aus unserer jetzigen Realität in Xiberg mutet es uns ebenso exotisch an, in einer Parallelwelt auf einem Boot zu leben. Auf einem Boot! Das ist doch wirklich nicht normal! Oder…!?

Nicht normal: Unser alternatives Lebensmodell nimmt sich eine Auszeit an Land

 

 

Kommentare

  1. Nun sitzt ihr also quasi „auf dem Trockenen“, liebe Gerlinde und lieber Gunter. Einen prächtigen Sommer habt ihr euch ausgesucht für euren Heimatbesuch in Tirol (Vlg) , und hurra die Gams – fröhlich weiterexperimentieren (Housesitting und so). Ich finde das ziemlich cool, was ihr macht. Übrigens schaut ihr beide ziemlich vital aus der Wäsche – guat – das war mein erster Eindruck, als ich euch in Wildermieming sah, abgesehen von der Wiedersehensfreude. Vielleicht geht sich mal ein Abstecher nach Zirl aus?! Dann lasst es uns wissen. LG Christine & Georg Federspiel

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    • Gunther

      Merci! Besuch ist fix eingeplant, ihr beiden. Freuen uns schon auf euch! 🙂

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  2. Annemarie SY-Onyx.

    Hallo ihr beiden! Lese ab und zu euren Block,gefällt mir auch ganz gut,nur mit den Xibergern habt ihr mich fast beleidigt!! Gsiberg wird von g e w e s e n abgeleitet – bin döt gsi ! Als segelnde Vorarlbergerin lebe ich seit vielen Jahren in Mattsee hab aber gsibergerisch nicht verlernt! Weiterhin fair Winds

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    • Gunther

      Annemarie, das „xi“ haben wir in voller Wertschätzung für das Ländle transkribiert, sind ja voller Begeisterung für deine Heimat. Natürlich darf ein kleines Zwinkern nicht fehlen – was sich liebt, das neckt sich. Du machst aus unserem Blog ja auch einen Block 😉
      Jedenfalls freut es uns außerordentlich, dass du mit uns virtuell verreist, das gibt uns Rückenwind! Ganz Lieben Dank dafür und deine nette Nachricht. Wünschen dir eine Handbreit Wasser unter dem Kiel, wohin immer du segelst…!

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Antwort auf Christine Federspiel-Heger

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