Einfach Leinen los und Segel setzen. Hinaus aufs Meer, in freie Gewässer. Irgendwann auf Land stoßen, Anker werfen, Neuland betreten. Die gewonnene Freiheit auskosten. Vorstellungen wie diese tauchen vor dem inneren Auge auf, wenn man an Blauwasser-Reisen denkt.
Eine Langfahrt lässt tatsächlich Grenzen verschwimmen. Zeiten und Orte verschieben sich, neue Kulturformen offenbaren sich. Verhaltensweisen, die bei uns zu Hause als verwerflich angesehen werden, gelten woanders als guter Ton – und umgekehrt. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten und Missverständnisse geben Stoff genug ab, um ganze Uni-Institute zu etablieren.

Das würde man in Europa vielleicht anders ausdrücken…

Die gute Nachricht: Man kann in einem Leben unter Segeln tatsächlich etwas mehr Freiheit erlangen. Segelreisenden werden in vielen Ländern längere Aufenthalte gewährt als anderen Besuchern. Vielleicht ist dies alten Regeln, der langsamen Reiseform oder dem hohen Wartungsaufwand für Boote geschuldet. Es stellt jedenfalls ein großes Plus an Spielraum dar, den man nicht unterschätzen sollte. Zudem sind viele Länder einfach weniger reglementiert als das antike, manchmal sehr verknöcherte Europa. Und wir können ja jederzeit den Anker lichten, sobald uns die Rahmenbedingungen vor Ort nicht mehr zusagen…

Was für ein Luxus: Wohnsitz frei wählbar…
…und Fisch zur Selbstentnahme

Die Herausforderung: Spätestens bei der Einreise in ein neues Land gerät man an unbekannte staatliche und kulturelle Grenzen, die man überschreiten möchte – und genau deshalb zu akzeptieren hat. Die eigenen, zu Hause erlernten Regeln zur Anwendung bringen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Trotzdem erleben wir unzählige Crews, die sich über die Andersartigkeit der Regeln wundern, aufregen und diese sogar bekämpfen. Warum ist man eigentlich losgefahren? Aus missionarischem Eifer, um der Welt unseren Stempel aufzudrücken…? Trotz unserer Nationalflagge befinden wir uns auf fremdem Territorium. Die Gastlandflagge beweist es.

Wir haben gesucht: Gegen Ignoranz ist kein Kraut gewachsen!

Dominikanische Republik: Segler warnen in Internetforen vor bestechlichen und komplizierten Behörden. Zurecht. Auch wir wurden zunächst abgezockt. Bestechung wird erwartet, sonst geht schlicht gar nichts. So ist das hier eben. Wer kommt, um eine Weile zu bleiben, muss sich damit abfinden. Wer das schafft, erhält dafür noch etwas extra: Zum Beispiel unvergessliche Erinnerungen an blutjunge Soldaten, die mit verkniffenem Gesicht und herausgestreckter Zunge versuchen, den Namen unseres Schiffes abzumalen. Unbezahlbar.

Grenze DomRep – Haiti

Kuba erscheint wie ein Gegensatz dazu. Entgegen aller falschen Warnungen in Seglerforen erleben wir moderate, aber klare Einreiseregelungen; begegnen gebildeten, toleranten und freundlichen Beamten, die mehr als nur des Schreibens mächtig sind. Gerade bei amerikanischen Seglern (die lt. US-Gesetz nicht nach Kuba fahren dürfen) drückt man ein Auge zu – und den Einreisestempel auf ein extra Blatt Papier, außerhalb des Reisepasses…

In Kuba sind sogar ‚Capitalistas‘ willkommen.

Verursacht durch falsche Auskünfte desinteressierter Beamte, ließen Schwierigkeiten auch in Panama nicht ewig auf sich warten: Unser Aufenthalt wurde nicht verlängert, wir mussten Strafe zahlen und das Land verlassen. Da kann man nur noch das Beste daraus machen: Einen sogenannten ‚Visa Run‘ ins Ausland; Freunde in Costa Rica besuchen, 16 Stunden im Bus sitzen, Schwierigkeiten an der Grenze weglächeln, vom Busfahrer auf halber Strecke sitzen gelassen werden, hohe Ausgaben in Kauf nehmen – und 72 Stunden später wieder einreisen.

Dabei wollen wir uns lieber nicht beschweren – schließlich dürfen wir Europäer viele Länder sogar ohne Visum bereisen. Umgekehrt können die Menschen nicht so einfach nach Europa kommen. Ist das gerecht? Wer recht hat und nach Gerechtigkeit ruft, dem wird nicht unbedingt recht oder Gerechtigkeit gegeben…

Flucht nach vorne: Visa Run nach Costa Rica.

Einem österreichischer Segler, der sich ans Landesgesetz, aber nicht an die Regeln der Kuna Dule halten wollte, wurden kürzlich die Grenzen aufgezeigt: Eine Abordnung der Indios warf ihn wiederholt hochkant aus San Blas. Auch wenn er – seiner Ansicht nach – im Recht ist. Den Kuna ist das einerlei. Sie haben ein Tauchverbot ausgesprochen, an diesem Punkt hat die Freiheit ein Ende. Nun ruft der Wiener „Piraterie“, schreibt an Behörden, Zeitschriften und Reiseveranstalter in aller Welt, um vor „Kuna-Piraten“ in San Blas zu warnen. Und fährt dabei schon wieder in Kuna Yala herum – sein Boot hat er kurzerhand umgetauft. Damit provoziert er die Einheimischen regelrecht zu weiteren Reaktionen. Prognose: Der Schaden wird für alle nur noch größer werden, die Grenzen festgefahrener, die Freiheit schmilzt.

Andere Skipper versuchen nicht einmal, Grenzen oder Gesetze als Rahmen zu akzeptieren. Mit teilweise epischen Folgen: Verwaiste Boote vor Anker mit angeschlagenen Segeln, zermürbten Quarantäneflaggen und zottig bewachsenen Wasserlinien erzählen ungeschriebene Geschichten von Menschen- und Drogenschmugglern, die direkt vom Ankerplatz ins Gefängnis verfrachtet wurden.

Menschen haben verschiedene Ideen und Werte.

Unsere Begegnung mit dem Skipper eines wunderschönen Eigenbaus afrikanischer Art  machte deutlich, dass sich auch manch sogenannte „Segler-Legende“ nicht um die Freiheit Anderer schert: In seinen Youtube-Videos zeigt er stolz, wie er provokant und gefährlich knapp an anderen Schiffen vorbei fährt. Mit einem unverantwortlichen Ankermanöver bei aufziehendem Sturm hat er uns, sich selbst und unser Nachbarboot bewusst in Gefahr gebracht. Hinterher im Internet recherchiert, ist uns Einiges „Klaar“ und noch „Klaarer“ geworden…

Klaar Schiff.

Nicht einmal die größte Seemacht der Welt hält sich an ihre selbst vereinbarten Regeln. Wiederholt sind wir Seglern begegnet, die nachts in internationalen Gewässern von US-amerikanischen Schnellbooten angehalten wurden. An Bord eine halbe Kompanie schwer bewaffneter und schwarz vermummter Soldaten, die sich unbeleuchtet von achtern anpirscht, plötzlich im Rücken des Steuermannes erscheint. Auf hoher See! Herzinfarkte und Kurzschlüsse (was geschieht, wenn man sich gegen den vermeintlichen Überfall zur Wehr setzt?) werden offensichtlich in Kauf genommen.

Graffitiprojekt rund ums Regierungsgebäude in San Jose (siehe auch andere Graffitis im Beitrag)

Ja, wir erleben an Bord eine neue, größere Selbstbestimmung als im dicht besiedelten Mitteleuropa. Definitiv. Das Leben auf dem Boot gestattet manch neue Freiheit. Teilweise wird man von den Umständen gezwungen, sich gewisse Freiheiten einfach zu nehmen – und es wird einem oft mit Verständnis begegnet.
Andererseits stoßen wir gerade durch das Reisen immer wieder auf neue, bisher unbekannte Grenzen, die es zu überschreiten gilt. Das beinhaltet durchaus auch persönliche, mentale, soziale, physikalische, finanzielle und sonstige Grenzen – welche Achtsamkeit und vor allem eine gehörige Portion an Frustrationstoleranz erfordern!

Umgang mit Freiheit, Grenzen und Frustation im Alltag.

Von Konfliktparteien wollen wir uns frei halten, neutrale und unbefangene Besucher bleiben. Egal, ob es um Länder, Behörden, Einheimische, Segler oder wen auch immer geht. Dabei stellen wir fest, dass dies umso schwieriger wird, je besser man integriert und selbst zum Mitglied eines Systems geworden ist. Solange wir von einem schwelenden Konflikt nichts wissen, fällt es uns leicht, unbeschwert zu bleiben. Sobald man den Vorhang etwas hebt, ein wenig Einblick gewinnt, bekommt man mit der neuen Erkenntnis auch einen Teil der Last verabreicht, verliert etwas an Leichtigkeit, wird sich neu auftauchender Grenzen bewusst.

Informationen können belastend sein.

Erfahrungen sammeln, teilhaben an neuen Kulturen, eins sein mit der Natur. Dafür muss man sich auch auf etwas einlassen. Verantwortung übernehmen, neue Grenzen akzeptieren, alte Grenzen zurücklassen. Stellt sich uns die Frage: Wie gehen wir mit dieser Verantwortung um? Wann ist es an der Zeit, Stellung zu beziehen? Und wann ist es an der Zeit, sich wieder etwas neue Freiheit zu gönnen? Den Anker zu lichten, die Leinen zu lösen, die Segel zu setzen, sich von vertraut gewordener Umgebung zu verabschieden, neue Grenzen kennenzulernen – und sie zu überwinden…?

Dem ‚inneren Kind‘ einen Schubs verpassen – Zeit für einen Ebenenwechsel.

Kommentare

  1. Schöner Beitrag, der viele Aspekte des MigrantInnenlebens anspricht. Wir hätten euch da auch ein paar vertiefende Fragen dazu geschickt… Liebe Grüße und Segel los.

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