Panama, San Blas Archipel, von den Einwohnern Kuna Yala genannt. 365 Inseln. Für jeden Tag im Jahr eine. Oft winzig, wie ein Palmenstrauß. Riffe, die Meeresbewohnern jeglicher Art Unterschlupf bieten. Von der Schildröte zum Delfin, vom Röhrenwurm bis zum Hammerhai. Landseitig umrahmt durch ein Gebirge, von unberührtem Dschungel überwuchert, bewohnt von Raubkatzen, Affen, Faultieren, Nasenbären, Krokodilen, Papageien, durchzogen von Flussadern. Angeblich voller Gold. Heimat und autonomes Gebiet der Kuna (oder auch Guna) Indios. Unsere bemerkenswerten Gastgeber, denen wir diesen Beitrag widmen.

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Die Süßwasseradern Kuna Yalas sind den Bewohnern Gold genug

Kuna Dörfer befinden sich meist auf winzigen Inseln, dicht verbaut, bis zum Rand voller Hütten, jeder Zentimeter genützt. Die Toiletten auf hölzernen Stegen verdienen die Bezeichnung WC, also „WasserClosett“, im wörtlichen Sinne. Ein gemeinsamer Bootsanleger mit kleinem Geschäft, dessen Gewinn der Inselgemeinschaft zugute kommt. Ein Sportplatz, rund um die Uhr bespielt, von Basket-, Fuß-, und Volleyballspielern jeglichen Alters und Geschlechtes. Kuna Dörfer sind selbständig und haben ihre eigenen Regeln. Dennoch teilen sie eine gemeinsame Kultur.

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Beschauliche Regenzeit: Das zweite Inselchen des Dorfes Wichuhuala.

Täglich treffen sich Vertreter jeder Familie im ‚Congreso‘, um Fragen des Zusammenlebens zu klären. Sei es die Wasserversorgung, die Planung eines Festes oder ein Streit unter Nachbarn – der alle betrifft, denn man kann sich auf so engem Raum nicht aus dem Weg gehen. Das Gebäude des Congreso ist eine Strohhütte in der Größe eines kleinen Bierzeltes. In der Mitte drei Hängematten, in denen die Häuptlinge, die ‚Saila‘ schaukeln, über Fragen und Probleme philopsophieren. Rundherum sitzen die FamilienvertreterInnen auf Bänken. Unterhäuptlinge interpretieren die Gespräche der Saila und leiten konkrete Maßnahmen ab, treffen Entscheidungen. Die Summe der Sailas bildet einen überregionalen Congreso für ganz Kuna Yala, gewissermaßen eine Regierung für das autonome Gebiet. Oft umstritten, sei es aus der Sicht der Regierung Panamas, der eigenen Kuna-Jugend, aus der Sicht von uns, den segelnden Besuchern. Auch diese Regierung kennt Korruption, ein Markenzeichen aller Mächtigen der Welt.

Obwohl die Häuptlinge, die Saila, männlich sind, gilt die Kuna Kultur als Matriarchat. Wenn Gerlinde verrät, dass sie im Nachnamen Sailer heißt, erntet sie respektvolle Belustigung. Den Frauen gehört das Land, das Geld, das Gold. Sie sind diejenigen, die die Kinder zur Welt bringen und aufziehen, daher sind sie in der Kultur am wichtigsten. Die Männer ziehen zur Familie der Frau. Scheidungen sind normal. Häufig haben die Frauen mehr als nur einen Vater ihrer Kinder. Macht nichts, der Besitz und damit die Sicherheit für die Versorgung des Nachwuchses bleibt ja bei den Frauen.

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Traditionell gekleidete Kuna Frau mit Armschmuck, Mola, kurzem Haar, Nasenring

Die Arbeitsteilung ist klassisch: Frauen kümmern sich um Kinder, Haus, Essen, Handarbeit. Männer sind schon vor Sonnenaufgang in ihren Einbäumen, paddeln oft erstaunliche Distanzen zum Fischen oder zur Pflege ihrer Plantagen im Dschungel. Man flüchtet gemeinsam vor der heißen Mittagssonne, ruht, erledigt Hausarbeiten. Der kühlere Abend dient der Familie, der Gemeinschaft, dem Ballspiel.

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In der Kochhütte – es gibt geröstete Kochbananen mit Zitronen-Zucker-Chilli-Salsa.

Bereits im Kindesalter, manchmal auch später, entscheiden die Mädchen und deren Familien, ob sie traditionell leben und sich entsprechend kleiden wollen – oder eben nicht. Wenn ja, dann gehen sie verschiedene Riten durch: Anlegen der traditionellen ‚Mola‘, einer kunstfertig genähten Tracht, Schneiden einer Kurzhaarfrisur, anlegen von Arm-und Wadenschmuck, goldener Nasenring, gemalter Längsstrich am Nasenrücken. Sämtliche Initiationsfeste gelten ausschließlich den Mädchen und Frauen. Die Kuna-Frauen tragen und sammeln Gold, das keinen finanziellen, sondern ein ideellen Wert hat. Nach dem Tod werden die Frauen mit ihrem Gold begraben.

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Traditionelle Mola – monatelange, feinste Näharbeit aus mehreren Lagen Stoff

Apropos Gold: Obwohl die Flüsse angeblich voll davon sind, ist es jedem Menschen – ob Kuna oder nicht – strengstens untersagt, Gold zu schürfen. Wer dabei erwischt wird, wird schwer bestraft. Benötigtes Gold wird in Panamá Stadt gekauft. Die Geschichte hat die Kuna gelehrt, dass Gold nur zu Gier, Unfrieden und Verderben führt. Das ist ihnen alles Gold von Kuna Yala nicht wert.

Feste, wie die ein-oder mehrtägigen ‚Chichas‘, Initiationsfeiern für Mädchen, finden in einem eigenen Haus statt, das dem Congreso ähnelt. Probleme, die im Congreso besprochen werden, sollen nicht auf die Festlichkeiten übertragen werden. Man verwendet daher ein von Streit unbelastetes Gebäude. Sehr weise, finden wir.

Die Männer des Dorfes stellen das alkoholische Chicha-Getränk her (wir haben auch schon Frauen dabei helfen gesehen, das war den Kuna etwas unangenehm): Fermentierter Kaffee mit Rohrzucker, serviert in einer Kalebasse, von der Stärke her mit Wein vergleichbar. „Auf ex“ zu trinken. Nicht selten badet beim Servieren der Daumen des lallenden „Kellners“ darin. Zum ersten Schluck mussten wir uns überwinden, die zweite Schale ging schon ganz leicht…
An diesen Tagen scheint fast das ganze Dorf betrunken zu sein, Männer und Frauen wanken, lachen, scherzen. Drei Frauen tragen einen bewusstlosen Mann aus dem Festhaus, die Zuseher lächeln oder schauen angewidert, je nach persönlicher Einstellung zu Alkohol. Kennt man von daheim. Wer dermaßen über die Stränge schlägt, dass er aggressiv wird, eine Rauferei anzettelt, wird an einen Stützpfeiler in der Mitte des Hauses gebunden und muss bis zum Ende des Festes zusehen.

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So wirkt sich das alkoholische Getränk „Chicha“ aus…

Sailas, Schamanen und Zeremonienmeister sitzen in einer eigenen Hütte – Zutritt für uns verboten – und werden am laufendem Band mit Chicha versorgt. Kaum zu glauben, wie viel dort konsumiert wird. Fotografieren von Zeremonien – von der Herstellung der Chicha bis zur eigentlichen Feier – ist untersagt. Die Mädchen, denen die Zeremonie gilt, nehmen am Fest nur indirekt teil: Es wird eine kleine Hütte für sie errichtet, dort verweilen sie in Hängematten, besucht von Familie und Freunden.

Stichwort Hängematten: Was manchen Westlern als provokantes Symbol für süßes Nichtstun gilt, ist in Kuna Yala Möbel für alles. Man kommt in einer Hängematte zu Welt, nutzt sie als Sitz- und Liegegelegenheit zum Wohnen, Schlafen und Handarbeiten. Für sämtliche schamanische Riten, Heilungszeremonien. Man stirbt in der Hängematte und wird darin sogar im Grab aufgehängt. Kein Scherz. Nach einem üppigen Mahl werden wir eingeladen, unsere Hängematten in einem Schlafhaus aufzuknüpfen, Siesta zu halten. Schüchtern betreten wir die Hütte, sehen uns um, ernten von den bereits ruhenden Anwesenden verwirrte Blicke – warum zieren die beiden sich so, anstatt sich einfach mit dazuzuhängen und Ruhe zu geben…?

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Das Schlafhaus – getrennt vom Kochhaus, wo das Feuer Tag und Nacht raucht

Den Schamanismus ist von Besuchern schwer zu durchschauen, ist er doch durchwoben von Tabus. An einem Chicha-Feiertag kommt ein angeheiterter, von Falten übersäter Schamane mit funkelnden Augen auf Gunther zu. Er will ihm seine Wirkunsgsstätte präsentieren und führt ihn in eine Hütte. Diese ist dominiert von Wäscheleinen und dem Enkel, der sich mit einem Computerspiel beschäftigt. Die ‚Ordination‘ besteht aus einer Hängematte und einem Korb voller geschnitzter Holzfiguren, sogenannten ‚Nuchus‘, die u.a. als Heilstäbe gebraucht werden. Für jede Krankheit wird eine bestimmte Anzahl an Tagen in der Hängematte verschrieben, dazu regelmäßig ein spezielles Lied vorgesungen. Indianergesang wie aus dem Film. Wer darüber lächelt und es als Humbug abtut, möge sich überlegen, was man in einer westlichen Ordination von seinem Arzt an persönlicher Zuwendung bekommt. Wir haben eine Woche lang erlebt, wie eine kranke Person in der Nachbarhütte besungen wurde. Die Nebenwirkung der Medizin: Im Bett liegend, fielen wir als Zuhörer selbst in tiefste Trance – als wir die Augen wieder öffneten, war es schon früher Morgen.

Fragt man einen Kuna zu Nuchus, bekommt man ausweichende Antworten und Körpersprache, die Frage scheint ein bisschen zu persönlich. In jedem Haus findet man diese Holzfiguren. Nuchus werden mit einem Lied besungen und damit zum Leben erweckt. Nuchus sind lebenslange Begleiter für den Besitzer, ein Hausgeist. ein Schutzengel, ein Alter Ego, ein eigenes Wesen. Will man einen alten Nuchu erwerben, entfacht man damit eine Diskussion. Im Zweifelsfall bekommt man ihn nicht. Begründung: „Er lebt noch“.

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Nuchu – lebt nicht (mehr)

Interessant ist der Umgang mit Menschen, die wir zu Hause als Minderheiten bezeichnen würden. So finden sich in Kuna Yala viele Männer, die sich wie Frauen kleiden oder gebärden. Diese Menschen werden voll akzeptiert, sie gelten als etwas Besonderes. Man hört, dass in einer Familie, in der nur Jungen geboren werden, der jüngste Bub als Frau erzogen wird, um die Erbfolge antreten zu können. Die Kuna haben zudem eine sehr hohe Rate an Albinos, die ebenso als etwas Besonderes gelten und als ‚Mondkinder‘ bezeichnet werden.

Bestrafungen wirken manchmal mittelalterlich, nicht nur der ‚Pranger‘, an den Raufbolde während der Chicha gebunden werden. Der Dieb, der unsere Ausflugsgruppe und seine Gastgeber bestohlen hat, wurde geschoren, mit Haut irritierenden Ruten geschlagen und von der Insel verbannt (siehe Blogeintrag ‚Abundteuer‘). Regelrecht inspirierend finden wir die Bestrafung bei weniger schwerwiegenden Übertretungen: Der Delinquent muss Sand und Steine Sammeln und auf der Insel aufschütten. Somit entstehen nach und nach Bauplätze für die Kinder der folgenden Generation. Wir ertappen uns dabei, solche Strafen auch in unserer westlichen Welt herbeizuwünschen, bei kleineren Übertretungen und vor allem bei Wirtschafts- und Korruptionskriminalität. Wir sehen vor unserem geistigen Auge korrupte Politiker und Geschäftsleute jahrelang gebunden an die Betreuung von Obdachlosen und Kranken, ausländischen Jugendlichen, bei der Straßenreinigung und Mülltrennung. Was kriminelle Reiche sonst mit einem Griff ins Scheckbuch beiseite wischen, kostet sie in diesem Fall, was jeder Mensch zu täglich 24 gleichen Teilen besitzt: Ihre Lebenszeit und Schaffenskraft. Eine solche Strafe träfe jeden gleich, den Armen wie den Reichen. Die Zeit ist der Wert.

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Aufgeschüttetes Neuland – und ein unübersehbares Müllproblem

So exotisch das Leben in Kuna Yala anhören mag, so alltäglich fühlt es sich oft an. Wie in jeder Gesellschaft findet man auch hier die üblichen Probleme wie Gier, Betrug, Neid – aber eben auch Kooperation, Interesse und Entwicklung. Die Kuna sind zwar eigenständig, aber nicht alleine auf der Welt. Sie müssen mit der Umwelt interagieren, ihr Auskommen finden, mit Veränderungen zurecht kommen. Der historische Handel mit Kolumbien – Panama war früher Teil Kolumbiens und wurde aus macht- und kanalpolitischen Gründen abgetrennt – führt alte Holzfrachter nach Kuna Yala. In 2-wöchigen Reisen bringen sie Prodkukte des täglichen Bedarfes auf die Inseln, fahren beladen mit Kokosnüssen und Aluminiumdosen für Recycling zurück nach Kolumbien. Auch Drogenschmuggel Richtung USA spielt eine Rolle, aus der sich die Kuna möglichst heraushalten: Wirft ein von der US Navy gejagtes Schmugglerboot auf der Flucht seine Waren ins Wasser, landen diese mitunter in Kuna Yala. Die Kuna fischen die Pakete heraus – und verkaufen sie angeblich günstig zurück an die Schmuggler, anstatt sich in den Konflikt zwischen Jägern und Gejagten einzumischen. Insofern ist es auch Seglern anzuraten, keine Pakete aus dem Wasser zu fischen!

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Kolumbianisches Handelsboot mit provisorischen Reparaturen…
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…und seine Crew

Das größte Veränderungspotenzial für die Kuna bringt die Globalisierung mit sich. Gab es vor wenigen Jahren hier nur Einbäume und natürliche Nahrungsmittel, beschert die neue Straße Außenbordmotoren, Touristen und Plastikverpackungen. Das Ergebnis findet sich auf allen Inseln, die nicht regelmäßig gereinigt werden. Das Meer spült Müll aus dem Atlantik an, Touristen aus Panama betrachten die Natur ohnehin als großen Abfalleimer. Kuna, die bis vor Kurzem noch mit gutem Gewissen ihre Essenreste ins Meer kippten, bleiben bei diesem erlernten Verhalten. Auch was Plastikmüll betrifft. Wer vor ein paar Jahrzehnten an südeuropäischen Straßen entlangschlenderte, weiß wie das Ergebnis aussieht. Zum Glück gibt es erste Recycling- und Mülltrennungs-Aktivitäten. Wir Europäer haben dafür länger gebraucht.

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Westliche Interventionen hinterlassen auch auf Molas ihre Spuren.

Besorgnis erregend und alleine nicht lösbar ist die Veränderung der Meere. Auch hier sterben Korallen. Der steigende Meeresspiegel hat die ersten Inseln von den Land- und Seekarten getilgt. Die meisten Inseln ragen nur einen halben Meter über die Wasseroberfläche hinaus, werden immer wieder überspült, speziell bei Springfluten. Wir warten gespannt auf die Ergebnisse des aktuellen El Nino. Lassen uns berichten, dass immer mehr Inselteile weggespült werden, dass die die Portugiesischen Galeeren jedes Jahr früher kommen, im letzten Jahr erstaunlich wenig Regen fiel.

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Wie lange wird das Inselparadies dem ansteigenden Meer trotzen?

Bleibt abzuwarten, wie die Kuna-Kultur mit den Veränderungen umgeht; wie die globalisierte Welt mit den Kuna umgeht. Wir beobachten mit Grauen Tempel bauende, mormonische Milchbubis in weißen Hemden; Missionare anderer christlicher Glaubensgemeinschaften, Entwicklungshelfer und manch ignoranten Besucher. Menschen, die sich bemüßigt fühlen, den Kuna den richtigen Glauben, die einzig wahren – unsere westlichen – Werte zu erklären. Dabei finden sich in Kuna Yala tausend gute Gründe repektvoll zuzuhören, zu staunen. Und zu lernen.

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Anmerkung: Die Informationen zu diesem Artikel stammen aus verschiedenen Quellen. Büchern, Erzählungen von Kuna und westlichen Menschen die mit Kuna leben, gemischt mit unseren Beobachtungen aus der jetzigen und der früheren Reise nach Kuna Yala. Zusammengefasst nach bestem Wissen und Gewissen, jedoch ohne Gewähr für Richtigkeit oder Vollständigkeit. Gerne lassen wir uns korrigieren und passen den Artikel an. Über Informationen zu weiterführende Quellen freuen wir uns. Danke!

Kommentare

  1. Sehr gut geschrieben, deckt sich grossteils mit meinen Erfahrungen. Ich war fast 7 Jahre lang on und off in Kuna Yala und habe die enormen Veraenderungen von 2004 bis 2011 als erschreckend empfunden, was mit ein Grund war dass ich dann doch weiter in den Pazifik gesegelt bin. Trotzdem noch immer einer der Besten Plaetze an denen ich war.
    Schreibt weiter so, werde wohl kuenftig oefter bei euch reinschauen.
    Alles Gute und vielleicht mal irgendwo auf diesem Planeten

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    • Gunther

      Lieber Herbert, deine Nachricht freut uns! Hoffentlich schaukeln wir mal gemeinsam in der selben Bucht, lass uns gerne in Kontakt bleiben! 🙂

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Antwort auf Herbert Winkler (Chico)

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